** Atomwaffen in der DDR **

DDR geheim: Die Atomwaffen der DDR
Interview mit dem Autor Michael Erler
Am 07. und 14.11. 2006, 20:45 Uhr, zeigt das MDR FERNSEHEN die neuen Folgen der Reihe "DDR geheim". Autor Michael Erler hat sich tief in die Geheimnisse um die "Atomwaffen der DDR" vorgewagt. Nach der Voraufführung der Filme im Zeitgenössischen Forum Leipzig haben wir mit Michael Erler über seine Arbeit gesprochen.
        
Michael Erler
"DDR geheim" - das sind hochbrisante Themen der DDR-Geschichte, die Sie vor allem mit Hilfe von Zeitzeugen aufarbeiten. Ist es auch heute noch schwer, Menschen zu finden, die über diese Zeit sprechen wollen?
Ja, das ist nicht so einfach. "DDR geheim" impliziert ja schon, dass man bei diesen Themen an Grenzen stößt. Man muss erst einmal versuchen, sich über Historiker ein Grundwissen und Partner zu besorgen, die einem weiterhelfen können. Und dann ist es eigentlich Kleinarbeit. Über Hinweise, die man in Zeitdokumenten findet. Namen von Offizieren, Politikern, mit denen man dann versucht, Kontakt aufzunehmen. Was auch oft misslingt. Teilweise fühlen sich diese Zeitzeugen noch an die Geheimhaltung gebunden oder wollen aus persönlichen Gründen nicht darüber reden. Da spielen auch Ängste eine Rolle.
 
Die Gespräche nach der Voraufführung zeigen: Auch so viele Jahre nach der Wiedervereinigung ist die Diskussion um die DDR-Geschichte, gerade bei solch brisanten Themen, hitzig. Welche negativen Reaktionen begegnen Ihnen bei ihrer Arbeit?
Es sind weniger Anfeindungen oder Behinderungen, sondern eher eine Art Zurückhaltung. Eine Mauer des Schweigens oder "Nicht-wissen-wollens", auf die man stößt.
 
Welche Bedeutung kann die Aufarbeitung der ehemals geheim gehaltenen Kapitel DDR-Vergangenheit heute für uns haben?
Ich glaube, die Filme sind ganz wichtig. Das Schließen der Lücke des Nicht-Wissens von damals ist dabei nur ein Teil. Sich die eigene Geschichte bewusst machen. Dinge erfahren, die man damals nicht erfahren konnte – das ist ganz wichtig. Gleichzeitig hilft diese Aufarbeitung aber auch, die derzeitige Entwicklung und die aktuelle Diskussion um Atomwaffen zu verstehen. So kann man im Rückblick sagen, dass damals aufgrund des zwar schrecklichen, aber doch relativ ausgewogenen Kräftegleichgewichts eine Art von Sicherheit bestand. Heute haben wir eine ganz andere Situation, eine viel diffusere Bedrohung. Sich diese geschichtlichen Zusammenhänge und Unterschiede bewusst zu machen, ist aus meiner Sicht sehr bedeutsam für uns.
 
Sie kommen ja aus der ehemaligen DDR, die Themen von "DDR geheim" berühren somit auch Ihre eigene Vergangenheit. Wie erfahren Sie persönlich die Aufarbeitung?
Das ist immer wieder ein Erstaunen, Berührtsein. Diese Erfahrungen sind auch für mich als Mensch ganz wichtig.
 
   
Das Drehteam v.l.n.r.: Dirk Heuschgl (Ortskenner Bunkeranlage Fürstenberg), Paul Bergner (Bunkerexperte), Till Ludwig (Kameramann), Michael Erler (Autor), Peter Gütte (Redakteur); Rechte: Michael Erler
Das Drehteam v.l.n.r.: Dirk Heuschgl (Ortskenner Bunkeranlage Fürstenberg), Paul Bergner (Bunkerexperte), Till Ludwig (Kameramann), Michael Erler (Autor), Peter Gütte (Redakteur)
Was passierte mit den ehemaligen Atomwaffen-Bunkern nach der Wende?
Die sowjetische bzw. russische Armee hat die Lager in der Regel der Bundeswehr übergeben. Da waren natürlich keine Waffen mehr zu finden, aber die Geheimdienste haben die Anlagen sofort untersucht. So konnten Rückschlüsse über baugleiche Anlagen in der Sowjetunion getroffen werden. Es war ein Riesennachteil für die Russen, dass die "Anderen" einen solchen Einblick bekamen. Deswegen wurde auch versucht, Dinge zu verschleiern und umzubauen. Umgekehrt war die Nutzung der Anlagen für die Bundeswehr uninteressant, da die Russen ja genau wussten, wo sie sich befinden, sie selbst gebaut haben. Die Bunker waren damit wertlos, wurden teilweise zugeschüttet und abgesperrt.
 
Und wie sind Sie dann hineingelangt?
Es gibt eine Art Bunkerszene, die ihr gesamtes Wissen und Können darauf verwendet, diese Bunker wieder zu begehen. Mit diesen Leuten, die teilweise auch wissenschaftliche Forschung betreiben, haben wir Kontakt.
 
Bestimmt haben Sie schon eine Idee, welche Geheimnisse der Geschichte Sie als nächstes aufspüren wollen …
Sicher. Zum einen wollen wir uns auch mit den Atomwaffen beschäftigen, die es noch in der Bundesrepublik geben soll. Was noch viel schwieriger ist, denn je näher man an die Gegenwart kommt, desto geheimer wird es natürlich. Bezogen auf "DDR geheim": Es gab in den 1970ern eine sehr brisante und geheimgehaltene Explosion in einem sowjetischen Munitionslager, in dem auch atomare Munition gelagert war. Die Umstände und Zusammenhänge des Ereignisses wollen wir nächstes Jahr thematisieren.
 
Und zum Schluss: Ihr spannendstes Erlebnis beim Dreh zu "Atomwaffen der DDR" ...
Es ist immer wieder spannend, wenn man durch so ein winziges Loch in einen Bunker hineingelangt. Zwanzig, dreißig Meter unter der Erde. Man weiß, dass es nur den einen Ausgang gibt, findet sich nur mit den Bunkerfachleuten zurecht, es gibt keinen Strom. Nur bewaffnet mit Taschenlampen und hoffentlich genügend Batterien ...
 
Das hat ja zum Glück geklappt. Vielen Dank, Herr Erler.


(Das Gespräch führte Manuela Heim.)
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Anfang 1969 zwischen Fürstenberg und Lychen im Brandenburgischen: Tag und Nacht gelangen Betonteile und Baumaterial in ein mehrfach abgeriegeltes Gebiet im Wald. Niemand ahnt wozu, und selbst die Bauleute, Spezialisten der Nationalen Volksarmee der DDR, wissen nicht, dass sie hier nahe einem winzig kleinen Ort mit dem schönen Namen "Himmelpfort" an einem todsicheren Weg in die Hölle basteln.
 
Atomwaffenlager der Sowjets
Es ist eine der geheimsten und brisantesten Baustellen der DDR. Am 06. Dezember 1969 übernimmt der sowjetische KGB das mittlerweile fertig errichtete Militärgelände und lagert in zwei riesigen Bunkern Atomsprengköpfe für Mittelstreckenraketen, die gefährlichsten Waffen in der eskalierenden Ost-West-Konfrontation in Europa. Nur der innerste NVA-Führungszirkel weiß davon. Ein besonders makaberes Detail: Die meisten der hier lagernden Atomwaffen sind für die NVA selbst bestimmt.
 
Im Kriegsfall wollen die Sowjets sie an die Raketentruppen der NVA ausgeben, gedacht zum Abschuss auf den westdeutschen Gegner. Dass die NVA und die DDR mit solch einem Schritt durch den unausweichlichen Gegenschlag die eigene Vernichtung heraufbeschwören würde, schert die Sowjets zu dieser Zeit wenig. Deutschland und Mitteleuropa sind in ihren militärstrategischen Planungen ohnehin Kriegsschauplätze, die im Ernstfall dem sicheren Untergang geweiht sind.
 
Seit Anfang der sechziger Jahre lagert die Rote Armee immer mehr nukleare Waffen in der DDR, baut hier ihre schlagkräftigste Armee außerhalb der eigenen Grenzen auf. Atomwaffen spielen die entscheidende Rolle in den militärischen Planspielen zur Eroberung Westeuropas. Niemand außer der sowjetischen Militärführung weiß genau, wie viele und wo die Atomwaffen in der DDR lagern. Auch westliche Geheimdienste tappen im Dunkeln. Mit der Wende und dem Zusammenbruch der Sowjetunion wird dieses riesige Bedrohungspotential plötzlich überflüssig.
 
Die Sowjets ziehen ihre Atomwaffen ab, genauso klammheimlich wie sie sie hergeschafft haben. Doch jetzt sind die westlichen Geheimdienste sensibilisiert, ein Katz- und Mausspiel beginnt, und es kommt zu einigen Zwischenfällen beim Abzug. Im Juni 1991 verlassen die letzten russischen Atomsprengköpfe deutschen Boden. Im zweiten Teil der zweiteiligen MDR-Reportage "Die Atomwaffen der DDR" gelangt das Filmteam in die wichtigsten streng geheimen Atomwaffenlager der Sowjets in der DDR. Bunkerbauleute kommen zu Wort, und der Weg wird verfolgt, auf dem die Sowjets ihre hochbrisante Fracht zurück nach Russland brachten. Hohe Generale der Bundeswehr und der Oberkommandierende der Westgruppe der Russischen Streitkräfte reden zum ersten Mal über das heikle Thema "Atomwaffen in der DDR" vor der Kamera.
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Eine Dezembernacht 1958: Russische Kommandos, schwer bewaffnete Soldaten riegeln Straßen und Orte ab. Eine gespenstische Szenerie. Riesige Zugmaschinen sind in Richtung Fürstenberg unterwegs, die angehängten überlangen Lafetten mit Plane verhüllt.

Damit beginnt die wohl geheimste und brisanteste Militäraktion auf deutschem Boden nach dem zweiten Weltkrieg. Die Sowjets stationieren, knapp 100 Kilometer nördlich von Berlin, in Vogelsang und Fürstenberg, Mittelstreckenraketen. Vier Monate später treffen auf dem Flugplatz Templin die zugehörigen Atomsprengköpfe ein, jeder zwanzigmal stärker als die Hiroshimabombe. Weder NVA-Führung noch DDR-Regierung sind eingeweiht.
     
Gefährliche Beton-Unterwelten.; Rechte: MDR/Erler
Große Gefahr für Soldaten und Hilfspersonal
Unter strengsten Sicherheitsbedingungen wird die hoch gefährliche Fracht in Bunker transportiert und startklar gemacht. Wenn diese Bunker auch von DDR-Firmen gebaut wurden, ihren tatsächlichen Verwendungszweck ahnte niemand, wie sich ein ehemaliger Bauarbeiter erinnert. Ungezählte technische Pannen gibt es. Auch zu einem schweren Unfall kommt es, wie jetzt aufgetauchte sowjetische Akten belegen und ehemalige Angehörige der Raketeneinheiten zu berichten wissen.

Obwohl die Stationierung raffiniert getarnt ist, werden BND-Informanten aufmerksam und schicken Berichte nach Westberlin. Der CIA ist sensibilisiert und beobachtet verstärkt. Doch das wahre Ausmaß der Raketenbedrohung bleibt im Dunkeln, wie jetzt veröffentlichte Akten des CIA belegen.

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Doppelbunkeranlage in Groß Dölln. Die Rote Armee nannte diesen Bunkertyp "Granit 2".



Eingang zum Bunker Groß Dölln



 
Bunker Groß Dölln. In diesen 33 Meter langen Hallen wurden die Sprengköpfe in Doppelreihen gelagert.



Getarnte Verladestationen auf der Militäranlage der Roten Armee in Groß Dölln.



Eingang zum Atomwaffenbunker in Fürstenberg. Hier wurden von der Sowjetunion bereits 1958 Atomwaffen auf DDR-Boden stationiert.



Lagerhalle für Atomsprengköpfe in Fürstenberg.



Die Militäranlage Himmelpfort. Hier wurden ab 1964 die Atomsprengköpfe gelagert, die im Krisenfall der NVA übergeben werden sollten.



Himmelpfort. Die Atomsprengköpfe waren in klimatisierten Containern gelagert, die mit dem Boden verankert wurden.



Blick in den Lagerraum für Atomsprengköpfe in Himmelpfort.




Das Drehteam der Filme "Die Atomwaffen der DDR" v.l.n.r.: Dirk Heuschgl (Ortskenner Bunkeranlage Fürstenberg), Paul Bergner (Bunkerexperte), Till Ludwig (Kameramann), Michael Erler (Autor), Peter Gütte (Redakteur)


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