zurück       Familie Meinhart
Geschichte einer deutschen Familie von 1930 - 1989
1.Buch: Erika M.

2.Buch: Halbierte Heimat
3.Buch: Nuttenbrosche und Wasserklops

Beginn des 1. Buches ( Kriegsende in Mitteldeutschland) >

 Ein Kick und ein Ei sollen die beiden jüngeren Meinhart-Brüder gewesen sein von Kindesbeinen an. Sie entstammen ja auch demselben Jahrgang, dem Vierziger. Siegfried wurde im Januar geboren, Roland im Dezember - beide also im Jahr der großen Siege.
Nur wenige Jahre später, kaum daß der Krieg zuende war und die Familie wieder ein Dach überm Kopf hatte, stellte sich zum Erstaunen aller heraus, daß zu den wenigen Dingen, die Krieg und Flucht überstanden hatten, eine Brennschere gehörte. Die wurde nun eifrig benutzt, verkörperte sie doch irgendwie die Dauerhaftigkeit des Meinhartschen Hausstandes, sie war das Bindeglied zu den seligen Friedenszeiten.
Also brannte sich Mutter nach dem samstäglichen Bade mit der Brennschere, die aus einem unerfindlichen Grunde in das Fluchtgepäck geraten war, neue Locken. Auch Anneliese drückte Korkenzieher ins lange schwarze Haar. Roland war ohnehin gelockt, der brauchte keine Brennschere. Aber Siegfried hätte gern ein paar Dreher in seine hellen Strähnen gehabt! Also mühten sich Schwester und Mutter abwechselnd. Doch leider war es eine unübersehbare Tatsache, daß die mühsam gedrechselten Locken nicht länger hielten, als das Abendessen dauerte. Während Siegfried seinen Kopf nur ganz vorsichtig bewegte, so als hätte er einen steifen Hals, konnten die anderen Familienmitglieder beobachten, wie die Kringel sich langsam aufrollten und die Strähnen wie vordem über die Ohren hingen. Wenigstens hing in der Stube kein Spiegel, und die gesamte Familie gönnte dem Kleinen das kurze Glück. Sie lobten der Reihe nach: "Bist schick, Siegfried! Bist du schick!"
Nur Werner konnte sich nach dem Abendessen, wenn Siegfrieds Lockenpracht vollends entfleucht war, die Bemerkung nicht verkneifen: "Endlich siehst du wieder ordentlich aus!" Er selbst trug sich ganz deutsch: Seiten und Hinterkopf kurz, das Deckhaar lang. Und Klein-Siegfried, der ja immer noch glaubte, er stünde in voller Lockenpracht, war glücklich, wenn der große Bruder ihn lobte.
Im Radio, der berühmten "Goebbelsschnauze", sang Zara: Ich weiß, es wird einmal ein Wunder gescheh'n.
Auf Siegfrieds Locken bezogen, geschah dieses Wunder nie. Doch für die Meinharts war das Wunder schon eingetreten: alle hatten sie den Krieg überlebt. Und drei Wochen, bevor die Kapitulation verkündet wurde, richteten sie sich schon wieder häuslich ein, endlich, nach Wochen der Flucht.
©  Josef Budek,  Berlin                         * Seite 1 *                     weiter